Übung aus einer Schreibwerkstatt

„Natürlich bin ich früher da“. Dieser Satz beschäftigte mich seit einer Woche. Als Aufgabe in einer Schreibwerkstatt, an der ich teilnahm, sollte ich eine Geschichte mit diesem Satz beginnen und beenden sollte ich sie mit: "Übrigens habe ich auch keinen erwartet." Als ich das auf meiner Aufgabenliste las, entstand ein Bild in meinem Kopf. Eine Frau feiert, ein Freund will früher kommen, um zu helfen. Am Ende bereitet sie die Feier alleine vor, weil er, mal wieder, wie so oft, zu spät kommt und noch nicht mal einen Strauß Blumen dabei hat. Er ist zerknirscht und sagt, es tut ihm leid. Und sie sagt, übrigens habe ich auch keinen erwartet, und gemeint ist, ein Blumenstrauß. Ist doch ganz einfach. Nur, dass das Dazwischen nicht kommen will. Das Dazwischen klingt wie in einem dieser witzigen Frauenromane. Es geht um Älterwerden, Geschenke bekommen und warum die Erzählerin das boykottiert. Schauerlich, finde ich und höre nach einer halben Seite wieder auf. Also gut, ein anderer Ansatz.

Ich überlege. Diese Geschichte muss anders aufgezogen werden. Ich frage nach, die Kollegen im Büro, den Mann, eine Freundin. „Was fällt Dir dazu ein?“ Von meinen Mitmenschen bekomme ich dann ein Kopfschütteln, verwunderte Antworten: "Was machst Du?“ Oder „wie geht das denn nur mit  dem Schreiben, das könnte ich nie!“ Keiner hat zu zwei kleinen Sätzen ein Bild parat. Es kommt mir vor, als warten alle darauf, was ich dazu sage. „Warum erzählt mir eigentlich nie einer eine Geschichte?“ frage ich mich. Und mir fällt eine Freizeit ein, wo auch ich die Geschichten erzählte. Wie alt war ich da eigentlich?

Wir fuhren mit unserer Gruppe zu einem Treffen auf die Burg Wernfels. Für mich war das eine Weltreise. Für meine Mutter eine Fahrt von 60 Kilometern. Aber es war eine andere Welt. Es war wie in Enid Blytons Internatgeschichten, nur dass es keine Schule und Lehrer gab, sondern nur Freizeit und Mitarbeiter. Wir fühlten uns wie Burgfräulein und ausgerechnet meine Gruppe hatte im obersten Stock der Burg einen riesigen Schlafsaal mit Stockbetten zugeteilt bekommen. Leider war es nicht unheimlich. Die Burg war renoviert. Die Räume im Speisesaal hatten zwar hohe Decken, aber alles war hell und freundlich.

Nicht die kalte und klamme Burg- und Schlossatmosphäre, die man kannte, wenn man mit seinen Eltern ein Museumsschloss besichtigte. Wo einem Schauer über den Rücken liefen, wenn man die Folterkammer, und die gab es doch immer, besichtigte. Obwohl ich mir im Nachhinein nicht sicher bin, ob es an den vorgestellten Torturen lag oder an den Temperaturen, dass ich eine Gänsehaut bekam. Denn auch mit viel Fantasie konnte ich mir als Kind anhand der ausgestellten Instrumente und Werkzeuge die Qualen eigentlich nicht vorstellen, die sie verursacht haben. Ich fand immer, dass mein Großvater auf seiner Werkbank in unserem Keller ähnliche Gerätschaften hatte, mit denen er aber nur Holz und Metall zu Leibe rückte und Reparaturen erledigte, wenn überhaupt. Denn wer braucht schon in einem 200 qm großen Garten einen Dreschflegel?

Dennoch, eine Burg, allein das Wort klang für uns Kinder abenteuerlich. Es gab schließlich einen Burghof, einen Brunnen, auch wenn dieser abgedeckt war, und eben diese schräg gestreiften Fensterläden an den Burgfenstern. Wir machten also Burgferien.

Deshalb wollten wir uns nachts in unserem Schlafsaal unter dem Burgdach gruseln. Weil ich Geschichten so gerne hatte und meine Freundinnen immer so taten, als könnten sie das nicht, habe ich also mit dem Erzählen am Abend, nachdem wir im Bett lagen, angefangen. Wenigstens habe ich sie dazu gebracht, meine Fantasie anzukurbeln. Sie mussten mir drei Wörter nennen, die in der Geschichte vorkommen sollten. Ich erzählte von Schlössern und Geistern, von Adeligen und dem schwarzen Tod. Unheimlich war es sicher nicht, aber nach der ersten Geschichte wollten sie noch eine zweite und ich erzählte weiter. Es wurde immer später in der Nacht. Die Bemerkungen der anderen wurden seltener, die Atemzüge tiefer. Nur ich war wach. So gruselig konnten die Geschichten also nicht sein, wenn alle eingeschlafen waren. Nur ich war noch wach. Nicht nur, dass ich die Geschichten zum Einschlafen erzählte, ich konnte jetzt nicht mehr einschlafen, ich zählte von Hundert rückwärts und wartete auf den Schlaf oder auf einen Geist. Der Schlaf kam irgendwann, ein Geist kam nicht. Übrigens habe ich auch keinen erwartet.

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