Eine Geschichte


Das Parkdeck

Die Aufzugtür öffnete sich. Sie trat hinaus. Natürlich war sie allein. Das hatte sie nicht anders erwartet. Aber es stand auch nur ein Auto auf dem Parkdeck. Ein alter roter Porsche, ein bisschen angerostet. Sie schaute nach links zu den Familienparkplätzen. Alles leer. Es war kein verwinkeltes Parkdeck, sie konnte es komplett vom Aufzug aus übersehen. Zum Verstecken nicht geeignet. Aber sie wollte sich nicht verstecken. Sie wollte nur nicht gesehen werden. Sie ging über das Deck bis zum westlichen Ende. Als sie an der Brüstung stand blickte sie hinunter in die Börsenstraße. Sie kontrollierte ihre Uhr. Auf dem Blechdach über ihr lief eine Taube hin und her. Durch das Metall wurde das Geräusch so verstärkt, dass sie sich die Taube in Adlergröße vorstellte. Die Zeit passte, sie schaute nach unten, zum Gebäude der IHK, in dem sich auch die Börse befand.

Da bogen bereits zwei Sicherheitsleute um die Ecke. Einer entfernte sich und ging zwei Schritte zum Papierkorb. Wollte er ihn kontrollieren? Doch er zog etwas aus seiner Tasche und warf es weg. Vielleicht eine leere Zigarettenpackung. Das nächste Mal musste sie unbedingt ein Fernglas mitbringen. Sie drehte sich um und sah in die Kamera. Sie lächelte. Sie wusste, dass die Kamera nicht angeschlossen war. Das Parkhaus war alt und klein. Selbst am Samstag Nachmittag war es nicht voll. An dem Tag, an dem sich die Menschen aus dem Taunus und den umliegenden Kleinstädten, in die meist als hässlich bezeichnete Großstadt aufmachten, der sie doch nicht entweichen konnten und die sie eigentlich faszinierte. Sie hatten aber nicht den Mumm hatten, dort zu wohnen. Sie fuhren dann nur zu den großen Häusern in der Nähe der Zeil und warteten lieber eine halbe Stunde auf einen Parkplatz als zu einem kleineren Parkhaus zu fahren. Sie verachtete diese Menschen, lebten in ihren Vororten oder auf dem Land, schimpften auf die Stadt, doch waren sie es, die die Stadt am Wochenende in der Stadtmitte unerträglich machten. Doch heute war Sonntag und es war wenig Verkehr.

Unter ihr zerbrach rhythmisch Glas. Sie schaute auf die Straße. Eine Frau mit zwei Tüten voller Flaschen, warf eine nach der anderen in den Glascontainer. Hatte sie gestern gefeiert oder war das ihre einsame Wochenration, deren Reste sie nun am Sonntag entsorgte, in der Hoffnung, dass es am Montag besser weiterging? Sie schüttelte den Kopf. Es würde nicht besser weitergehen. Es ging niemals besser weiter. Von oben konnte sie nur auf den Kopf der Frau sehen und nicht erkennen, welche ihrer Vermutungen vielleicht passte. Sie schaute weiter über all die Hochhäuser, die vor allem die Banken in die Höhe gebaut hatten.

Sie konnte aber auch das Dach der Alten Oper sehen und dahinter ein kleines Hochhaus, mit einem aufgesetzten Penthouse. Sie hatte ihren Blick nicht kontrolliert und nun konnte sie nicht mehr wegsehen. Die Schaufensterpuppe, gekleidet in ein lila Abendkleid, schaute hochmütig zu ihr auf das Parkdeck hinüber.

Du bist nicht besser als ich, zischte sie halblaut. Ihre Hände umklammerten das Geländer. Was passiert nur hinter diesen Fenstern? Sie wusste es, doch sie wollte es sich nicht vorstellen. Es war zu spät. Sie stellte sich vor, was passierte. Warum nur hatte sie damals auf dem Ball ein lilafarbenes Kleid getragen? Bestimmt wäre es sonst anders gekommen. Langsam schob sie sich am Geländer weiter. Sie wollte die Gedanken anhalten. Sie schaute auf den Fernsehturm und erkannte dahinter den Feldberg. Sie schaute weiter. Das Bürogebäude gegenüber war leer. Im obersten Stockwerk stand ein Fenster offen. Sie wartete, ob vielleicht doch jemand kam, der am Sonntag noch dringend Büroarbeiten erledigen wollte. Hinter keinem Fenster bewegte sich etwas. Aber im Hotel dahinter. An einigen Fenstern wurden Vorhänge zur Seite geschoben. In einem Zimmer hatte sich eine Frau im Bademantel ans Fenster gesetzt und las. Zwei Fenster weiter kamen nun ein Mann und eine Frau in ihr Blickfeld. Beide nur mit einem T-Shirt bekleidet. Sie standen am Fenster, doch sie sahen nur sich an. Sie küssten sich. Schau weg, schau weg, sagte sie sich. Doch auch hier wandte sie sich nicht gleich ab. Sie konnte es nicht. Die beiden verschwanden vom Fenster, der Vorhang ging zu. Erst als sich nichts mehr bewegte, blinzelte sie. Tränen liefen ihr über die Wangen. Am roten Porsche blieb sie stehen. Sie kramte ihren Schlüssel aus der Handtasche. Sie werden es beide büßen. Sie nahm ihren Hausschlüssel und hielt ihn fest in der Hand. Der rote Lack wird darauf sehr schön aussehen.





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