Der Bäcker fehlt mir
Wenn im Stadtteil Geschäfte
schließen, dann gehört das dazu. Trotzdem möchte man liebgewordene
Anblicke und auch häufig
frequentierte Geschäfte
gerne behalten.
Wenn ein Laden schließt,
weil der Inhaber in Ruhestand geht und kein Nachfolger gefunden werden konnte,
wenn Start-Ups mit neuen modischen Konzepten nach einem kurzen Hype wieder
schließen müssen, ist das schade,
aber so ist es eben. Wenn jedoch ein Geschäft
schließt, weil der
Inhaber, Meister plötzlich
gestorben ist, ist die Traurigkeit doch eine andere. Ein Mensch ist tot und
hinterlässt eine Lücke.
Ich habe ein Alter erreicht, in dem mir manche Veränderungen Angst machen.
Wenn ich früher Veränderungen als unbequem
angesehen habe, mir aber weniger Gedanken über
das Wie und Warum gemacht habe, ist das heute durchaus anders.
Der Donut Laden auf der unteren Berger Straße, bei dem ich von
Beginn an wusste, dass die Halbwertszeiten für
derartige Modeerscheinungen so ein bis zwei Jahre betragen, machte im Herbst
2014 dicht. Wider die Vernunft hoffte ich, dass diese Leute wissen, was sie tun
und ein nachhaltigeres Konzept hätten,
bei den tollen Donuts, die es dort gab. Aber die Öffnungszeiten
für Arbeitnehmer
waren nicht so günstig,
wenn das Geschäft
erst um 9:00 Uhr öffnet
und bei all den Veganern und kalorienbewussten Essern im Nordend stehen Donuts
wohl auch nicht ganz oben auf dem täglichen
Backwarenplan. Und Modeerscheinung ist eben Modeerscheinung, denn auch ich hätte bei der vorherigen
Mode, den Bubble-Tea-Läden
nie einen Fuß über
die Schwelle gesetzt und diese sind tatsächlich
alle wie Blasen zerplatzt. Irgendwann haben alle, die neugierig sind, probiert
und mit denen, die es längerfristig
in ihr Leben einbauen würden,
ist zu wenig zu verdienen.
Ganz anders ist das aber mit dem Bäcker Klein. Als ich ins Nordend zog, sollte
der Sohn gerade die Bäckerei
übernehmen. Er war
einer der drei Bäcker
in Laufnähe. Damals
war nebenan noch ein Feinkostgeschäft,
bei dem man ganz schnell mal Senf oder Oliven kaufen konnte. Später wurde dieser Laden in
die Bäckerei
integriert und es gab ab sofort die Möglichkeit,
dort zu sitzen. Das erinnerte mich an das kleine Café nahe meiner Schule, in denen wir
Freistunden oder auch geschwänzte
Stunden, wenn man dazu den Mut hatte, denn auch die Lehrer frequentierten
dieses Café gern,
verbrachten. Manchmal stand man beim Bäcker
Klein sehr lange an, denn schon bei drei Kunden, war der kleine Laden voll. Bäcker Klein war klein.
Ich kaufte Vollkorn-Dinkel-Brot, aber auch das Kastenweißbrot, ein Genuss. Er hatte das, was sonst
keine dieser Bäckerketten
hat: Flammende Herzen, richtig leckere Linzer Törtchen,
aber auch Dinkel-Fruchtschnitten und vor allem, auf dem Weg ins Büro das „Karlsbader Hörnchen“. Herrlich fluffig und
blättrig, aber
nicht zu fett und nicht zu süß.
Wenn ich mir eine Schokodröhnung
geben wollte, bestellte ich eine der Schoko-Bananen, die auf einem Sahnebett
auf einem Biskuit lagen und mit Vollmilch-, Zartbitter- oder weißer Schokolade überzogen waren. Aber es
gab auch die Pistazien-Marzipan-Torte, zwar eher im Winter, aber wenn man die
Zucker-Creme-Dröhnung
wollte, diese konnte mich mit einem wirklich klassischen Mürbeteigboden und Biskuit
dazwischen glücklich
machen. Durch Bäcker
Klein lernte ich, obwohl ich schon fast 10 Jahre in Frankfurt gelebt hatte,
auch den Frankfurter Pudding kennen, eine kleines Küchlein in Muffinform, mit vielen Nüssen, saftig und lecker.
Es war ein Bäcker,
der sein Handwerk ordentlich gelernt hatte und nicht mit Teiglingen hantierte.
Bei ihm gab es, wie in meiner Kindheit im Fränkischen,
Salz- und Mohnstangen. Wer kennt eigentlich so etwas noch? Der einzige
Wermutstropfen war, dass er anscheinend ein Rosinen-Fan war und das bin ich nun
gerade nicht. In viele, sonst leckere Teilchen wurden Unmengen von Rosinen
gesteckt. An spezielle Käsekuchensorten
oder Teilchen mit Äpfeln
war ich gewöhnt,
aber auch der eigentlich sehr leckere Rüblikuchen
vom Blech, er hätte
eigentlich das Zeug gehabt, mein Lieblingskuchen zu werden, war voller Rosinen.
Trotzdem kann ich auch hier Bäcker
Klein dankbar sein, denn notgedrungen entwickelte ich mich zu einer guten Rüblikuchenbäckerin, der Not
gehorchend, wenn man dieses Backwerk gerne isst, aber auf keinen Fall Rosinen
herauspopeln will.
Und so bin ich traurig, dass nun diese Zeiten vorbei sind,
aber auch dankbar, dass sie doch so einige Jahre so schön und lecker waren. An Bäcker Klein werde ich,
wie an meinen Kindheitsbäcker
Knörl gerne zurückdenken, ich werde
einige Backwaren vermissen, beim Bäcker
Knörl sind es das dänische Gebäck, die Anisbrezen und
die Bamberger Hörnchen
und beim Bäcker
Klein sind es die Karlsbader Hörnchen,
der Frankfurter Pudding, die Mohnstangen und das Kastenweißbrot. Ich werde aber ab
und zu auf die Suche gehen, um einen Ersatz zu finden, der aber dann vielleicht
etwas ganz anderes, ganz hervorragend backt und vielleicht werde ich zu guter
Letzt eben selbst das backen, was mir so sehr fehlt. Und wenn ich da auf meinen
Bauch höre, sind es
gerade die Anisbrezen und dann der Frankfurter Pudding.