Überlegung zu Aphorismus von Lichtenberg


Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbuch C 158: Es war ihm unmöglich, die Wörter nicht in dem Besitz ihrer Bedeutungen zu stören.

Er störte immer und überall, das wusste sie natürlich schon. Aber, dass er auch Wörter störte, war ihr neu. Dieser Satz stand plötzlich da. Auf einem Zettel, in ihrer Tasche hatte er gelegen und es wurde darin festgestellt, dass es ihm unmöglich war, die Wörter nicht zu stören, jedenfalls war das so ungefähr der Sinn. Er störte natürlich nicht die Wörter selbst, dazu waren die Wörter auch stets zu fest und zu klar. Suppe, zum Beispiel, die hatte fünf Buchstaben. Die Zahl Fünf wiederum ist zwar eine Primzahl und die sind, wie man weiß, etwas heikel und manchmal kapriziös, aber sonst ist die Fünf eine durchaus angenehme Zahl. Was sich durch Fünf teilen lässt, ist gut, von vornherein. Und dann noch die Fünf mal Fünf, es ist so rund und glatt. Aber genug, sie ließ sich schließlich nicht gehen und schweifte ein wenig ab. Also eine Suppe, die ließ sich nicht stören, selbst dann nicht, wenn jemand einen Löffel hineintunkte und dieser ja sogar noch einen Buchstaben mehr als die Suppe besaß. Die Suppe hätte sich allerdings auch noch ein L am Ende vorstellen können und so eine Suppel ist auch sehr nett, wenn vielleicht nicht ganz so fest und womöglich nicht so heiß wie es eine Suppe sein kann. Doch Konzentration. Er störte ja schließlich nicht die Wörter, sondern die Wörter im Besitz ihrer Bedeutungen. Das war also das Unerhörte. Tatsächlich unerhört und ganz nach der Bedeutung, wortwörtlich, denn sie hatte es gelesen. Sie konnte es sehen, auf diesem Zettel. Vielleicht sollte sie es sagen, aussprechen, dann war es nicht mehr unerhört und es wäre dann auch nicht Unsäglich. Sie sprach den Satz aus, aber da fiel ihr ein, dass sie hier ganz allein saß. Niemand hatte es gehört, bis auf sie selbst. Hatte sie es gehört, wenn doch die Stimme so halb aus dem Inneren kam? Jeder wusste schließlich, dass man seine Stimme ganz anders hört, als sie tatsächlich klingt. War es deshalb immer noch unerhört? Sie wusste es nicht und sie wurde langsam immer verwirrter von all den Gedanken und Wörtern, die ihr im Kopf herumspukten. Was, wenn sie bald nichts mehr sagen könnte, weil sie über jedes Es nachdenken musste. Obwohl Es natürlich Quatsch war, jedes Es semantisch zu hinterfragen, Es kam schließlich auch darauf, wie das Es geschrieben wurde, als einzelner Buchstabe oder mit einem E vorneweg. Ein S, das sich von rechts oben nach links unten schlängelte, war ja schließlich nur ein Buchstabe und kein Wort. Ein E mit einem angehängten S hingegen schon. Aber so ein kleines Es, das war fast zu vernachlässigen. Es kam ganz schnell am Satzanfang und schon war Es wieder vergessen, selbst, wenn Es in der Mitte noch einmal aufgetaucht war, störte Es kaum. Hier half der korrekte Satzbau, denn wenn sie ein Es unvermittelt ans Ende stellen würde, würde jeder merken es. Dieser Satzbau war nicht richtig. Aber: Musste sie einen Satz wirklich bauen, wo er eigentlich so leicht aus ihr herausfloss? Zumindest war manchmal das Umbauen eines Satzes merklich schwieriger. Würde sie heute Klarheit erhalten? Wie klar, könnte ein Satz werden? Glasklar oder doch eher mit Schlieren oder sehr verkratzt und was wäre klar am Satz? Die Wörter? Sie nahm den Zettel und aß ihn auf.

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