Nochmal Dante

Weil's mir so Spaß gemacht hat, mich mit Dante zu beschäftigen und ich auch mal etwas "Herzerfrischendes" machen wollte, habe ich mir auch noch eine Stelle aus dem dritten Teil der göttlichen Komödie ausgesucht, zu dem ich noch etwas schreiben wollte.
Hier kommt's:


Paradies
3. Gesang
„Und wie von Gläsern, von durchsichtgen, klaren,
von Weihern, welche seicht, doch still und rein,
Den Boden unverdunkelt offenbaren,
Ein Antlitz widerstrahlt, so schwach und fein,
Daß man erkennen würd in größrer Schnelle
Auf weißer Stirn der Perle bleichen Schein;
So sah ich manch Gesicht an jener Stelle
Und war im Gegensatz des Wahns, durch den
Einst Lieb entflammt ward zwischen Mann und Quelle.“


Vorsichtig balancierte sie über den kleinen Steg. Der Bach unter ihr plätscherte, das Wasser war sehr klar. Nur ein paar Schritte den Weg entlang und sie spürte die Sonne auf ihren Schultern. Der Weg teilte die Wiese, sie war so hoch, dass ihr das Gras bis zur Hüfte ging. Hier hatte sie früher immer mit ihrem Bruder und ihren Cousins und Cousinen auf einem rasenkurzen Stück Fußball gespielt. Wenn sie allerdings die hohe Wiese weitergegangen waren, um an die Stelle des Baches zu kommen, den sie Wehr nannten, traten sie immer ganz kräftig auf, damit sich die Kreuzottern davonschlängelten, meistens sahen sie allerdings nur Blindschleichen. Von den Grashüpfern dagegen, konnten sie nie genug bekommen. Sie schaute weiter, vor ihr, kurz vor dem kleinen Wäldchen, das zu den Bahngleisen hinaufführte, konnte sie, überwuchert, das Fundament sehen, auf dem das kleine Holzhäuschen ihres Großvaters gestanden hatte. Sie war nicht gern drinnen gewesen, denn es war dort immer dunkel, stickig und warm. Wenn sie stattdessen den Mittagsschlaf in der Hängematte zwischen den Bäumen machen durfte, war das viel schöner, denn dort ging ein leichter Wind und das Licht glitzerte durch die Blätter. Sie hielt sich nicht länger auf, das Häuschen stand schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Sie lief weiter zum Karpfenweiher und konnte schon das Quaken der Frösche hören. Als sie am Ufer entlang lief, hüpften die Frösche ins Wasser, um sich vor ihren Schritten zu retten und verstummten. Es platschte und Kreise zogen durchs Wasser. Am hinteren Ende des Weihers, so wie sie es vermutet hatte, entdeckte sie einige dicke Karpfen. Ab und zu kam einer kurz zur Oberfläche. Essen mochte sie diese Fische zwar nicht, die schlanken Forellen waren ihr lieber, aber die Karpfen waren gemütliche und ruhige Tiere und das gab auch ihr Ruhe. Die Sonne schien auf den Teich und ließ das Wasser glitzern. Sie setzte sich ans Ufer und ließ die Beine in den Weiher baumeln. Sie wurde müde, es war die Hitze und der lange Weg zu Fuß. Sie lauschte auf die Geräusche, die der Wind im Gras machte, das Rauschen der Bäume. Auch die Frösche begannen wieder zu quaken. Bis zum Abend würde es noch dauern. Sie hatte also noch viel Zeit, bevor die anderen zum Picknick kommen würden. Träge ließ sie ihren Blick über das Wasser schweifen. Ein wohliges Gefühl breitete sich aus. Die Gedanken an ihren Alltag, Bankgeschäfte, Einkäufe, Kinder, all das war plötzlich weit weg. Dabei fühlte sie sich gleichzeitig sehr lebendig. Die Müdigkeit war verschwunden. Sie sah ins Wasser und betrachtete ihr Spiegelbild. Sie erkannte sich fast nicht wieder, denn sie sah ein wenig erleuchtet aus, durch die leichte Bewegung des Wassers und das Sonnenlicht. Sie winkte ihrem Spiegelbild im Wasser zu und begann zu lachen, kurz hatte sie wie ihre Großmutter ausgesehen. Sie sprang auf und zog sich ihr T-Shirt über den Kopf. Mit einem Sprung war sie im Teich. Es war herrlich im Wasser; an ihren Füßen kitzelten Algen, den Grund wollte sie allerdings nicht berühren, um nicht zu viel Schlamm aufzuwirbeln. Sie schwamm zwei, drei kräftige Züge, aber fast zu schnell hatte sie wieder das Ufer erreicht. Sie ließ sich deshalb in die Mitte des Weihers gleiten und drehte sich auf den Rücken. Ein Eichelhäher flog über den Teich in den Wald. Ihre Gedanken waren wieder bei ihrer Großmutter, die diesen Garten geliebt hatte, auch wenn es damals für sie so mühselig gewesen war, hierher zu gelangen. Da ihre Großeltern keinen Führerschein besaßen, mussten sie immer mit dem Zug fahren und der Bahnhof war kilometerweit entfernt. Jetzt kam es ihr fast so vor, als wäre ihre Großmutter hier, als würde sie ihr winken und ihr die Ruhe geben, die ihre Großmutter im Alter anscheinend gefunden hatte. Sie schwamm zurück ans Ufer. Sie würde sich trocken laufen, so, wie sie das früher gemacht hatten. Zurück blieb ein warmes Gefühl, Zufriedenheit, ein Stück Paradies.

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