Grenzüberschreitungen

Sie atmete einmal tief ein und langsam wieder aus. Jetzt war es soweit. Schon seit Wochen war sie jeden Tag ins Museum gegangen und hatte sich die bestickten Damenstiefel angesehen. Hatte sich vorgestellt, wer sie getragen hatte, mit welchem Kleid. Wie teuer sie wohl gewesen waren. Die Blumen waren so kunstvoll gestickt in rot, gelb und blau. Zarte Blüten auf zartem Gewebe. Die Absatzhöhe war perfekt, fand sie. Nicht diese High Heels, die die modischen Frauen zur Zeit so gerne trugen. Aber auch nicht so flach wie Turnschuhe. Vorne waren in die Schuhe Seidenbänder eingeflochten. Es war ihre Größe. Da war sie sich sicher. 
Jetzt. 
Sie war allein im Raum. Im Historischen Museum gab es keine Kameras. Sie griff hinter die Glasscheibe und zog die Stiefel heraus. Rollte sie vorsichtig ein und steckte sie in ihre tiefen Manteltaschen. Sie wagte kaum aufzuschauen, als sie rasch das Museum verließ. Draußen setzte sie sich gleich auf eine Bank, streifte ihre Flipflops ab und zog die Seidenstiefeletten an. Sie passten! Vorsichtig ging sei einen Schritt über das Kopfsteinpflaster, noch einen. Genau so hatte sie es sich vorgestellt, sie kam sich vor. als wäre sie plötzlich eine andere. Sie lief über den Römerberg, um sich in der Braubachstraße eine Kutsche zu rufen.

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